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JWT+H+F: Die Umverteilung der Macht

Der Trend

Die kommenden Jahre werden praktisch in allen Belangen eine umfassende Umverteilung der Macht mit sich bringen: ökonomisch, sozial und politisch.

Was bedeutet er

Dieser Trend wird weitreichende Konsequenzen haben. Unter anderem werden nach vielen Jahren der Fokussierung auf Profitmaximierung und Aktionärswert die Angestellten wieder höher im Kurs liegen. Weshalb? Die Erhöhung der Produktivität und der wachsende Unternehmensprofit hatten für die Arbeitnehmer keine substanzielle Erhöhung der Kaufkraft zur Folge, sondern führten generell zu einer höheren Verschuldung. Aber vernünftigerweise muss man sagen, dass die Konsumenten kein Geld ausgeben können, das sie nicht verdienen, was schlechtere Verkaufszahlen und weniger Profit nach sich zieht.

Auf der anderen Seite werden wir im sozialen Bereich eine Umverteilung der Macht auf Frauen und ethnische Minderheiten sehen. In der globalen Politik bedeutet das, dass schnell wachsende Entwicklungsmärkte wie Brasilien, Russland, China oder Indien an Einfluss gewinnen und eine wichtigere Rolle bei der Führung der internationalen Organisationen spielen werden. Die kommenden Jahre werden auf praktisch allen Ebenen eine umfassende Umverteilung der Macht mit sich bringen: ökonomisch, sozial und politisch.

In der Wirtschaft heisst das, dass die Macht von den Aktionären auf die Angestellten übergeht, während die Unternehmen ihre lahmgelegten Märkte wieder neu aufbauen müssen. Während mehr als einer Generation haben sich die Unternehmen im Sinne des Shareholder-Values darum bemüht, die Kosten zu reduzieren und den Profit zu maximieren. Als Resultat davon wurden zweistellige Zuwachsraten verzeichnet, aber gleichzeitig für die meisten Arbeitnehmer geringere Löhne ausbezahlt. Die Konsumenten gaben zwar weiterhin Geld aus, mussten dafür aber auf Kredite zurückgreifen. In nächster Zeit werden die Konsumenten nur äusserst ungern Kredite aufnehmen oder im selben Stil Geld ausgeben. Das bedeutet, dass die Unternehmen weniger verkaufen, je schlechter sie ihre Arbeitnehmer bezahlen und je weniger diese einkaufen. Die Wirtschaft wird damit beginnen müssen, nicht nur ihre Aktionäre, sondern auch ihre Arbeitnehmer gut zu behandeln, ein Prinzip, das bereits Henry Ford im Jahr 1914 unterstützte, als er die Löhne der Arbeiter in den Autofabriken auf einen Schlag mehr als verdoppelte. Als es möglich geworden war, kostengünstige Autos in grossen Massen zu produzieren, wusste Ford, dass er seinen Markt vergrössern konnte, wenn mehr Arbeitnehmer sich einen Wagen leisten konnten. Diese Überzeugung – dass ein Konsument gleichzeitig auch ein Lohnverdiener ist – muss nun wieder gewonnen und umgesetzt werden.

Im sozialen Bereich werden wir eine zunehmende Umverteilung der Macht auf Frauen und ethnische Minderheiten sehen. Frauen haben Männer bereits seit einiger Zeit im Bereich Universitätsabschlüsse zahlenmässig (und qualitativ) übertroffen und steigen nun in Spitzenpositionen auf in den Bereichen Wirtschaft, Medizin, Recht oder anderen einflussreichen Sektoren. Am anderen Ende der Leiter, in den Entwicklungsländern, unterstützen Mikrofinanz- und Bildungsprojekte das Vorwärtskommen von Frauen, ein wichtiger Faktor zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder.

Denken Sie dabei zum Beispiel an Goldman Sachs, die sich zum Ziel gesetzt hat, nicht weniger als 10′000 Frauen in Entwicklungsländern über die nächsten 5 Jahre auszubilden. Rund um die Welt werden die kommunikativen und verhandlerischen Fähigkeiten der Frauen entscheidend sein, um Lösungen für akute globale Probleme zu entwickeln. Anfang des Jahres 2009 wurde der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen, eine Tatsache, die die multi-ethnische Zusammensetzung des modernen Amerika reflektiert und sie gleichzeitig anerkennt. Die einflussreichste Person der Welt ist kein weisser Mann mehr, und bereits heute schon sieht es so aus, dass Barack Obama zur globalen Ikone wird. Dies wiederum wird ethnische Minderheiten rund um die Welt inspirieren und ihnen dazu verhelfen, in Ländern, wo sie signifikante Anteile an der Bevölkerung stellen, besser akzeptiert zu werden.

Im Bereich der globalen Politik wird die umfassende Umverteilung der Macht des 21. Jahrhunderts – mit dem Aufstieg von China und Indien, der wachsenden Macht Russlands und der sinkenden der USA – von der Finanzkrise profitieren. China hat während der letzten Jahre riesige Handelsüberschüsse angehäuft und daraufhin dieses Geld wieder den westlichen Ländern zur Verfügung gestellt (vor allem den USA), damit diese wieder mehr chinesische Güter kaufen konnten. Mit ihrer am Boden liegenden Wirtschaft und der Rezession vor Augen ersuchen die Politiker nun die reichen Kreditgeber um Hilfe, allen voran China und die erdölfördernden Staaten im Nahen Osten. Länder, die wichtige Beitragszahler des Internationalen Währungsfonds sind, werden dafür eine Gegenleistung erwarten, unter anderem mehr Mitspracherecht in Bezug darauf, wie der Internationale Währungsfonds verwaltet wird.

Bereits heute schon befinden sich die internationalen Organisationen in einem Veränderungsprozess, und den Entwicklungsmärkten wird mehr Mitspracherecht in weltwirtschaftlichen Angelegenheiten gewährt. Der Mitte November abgehaltene Weltwirtschaftsgipfel zur Finanzkrise war denn auch ein Treffen der G20 anstelle der G7 (die G20 umfassen die G7-Länder Japan, USA, GB, Kanada, Frankreich, Deutschland und Italien und zusätzlich dazu Entwicklungsmärkte wie China, Mexiko, Südkorea und die Türkei).

Auch die militärische Macht wird sich von den USA auf andere verlagern; und obwohl sie die einzige Macht bleiben werden, die irgendwo in der Welt tatsächliche militärische Macht ausüben können, werden sie bedingt durch ihre grossen Engagements im Irak und Afghanistan sowie die umfassende Finanzkrise entscheidend an Stärke einbüssen.

Der nächste Trend folgt in einer Woche.

Quelle:
JWT+H+F, Hardstrasse 219, Postfach, 8037 Zürich
Redaktion: Ann M. Mack, Lois Saldana, Marian Berelowitz, Rainer Bühler, Remy Fabrikant

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